62 Prozent der Deutschen verschenken an Ostern am liebsten Schokolade. Und so spült die Süßwaren- und Schokoladenindustrie wohl auch in diesem Jahr wieder rund 200 Millionen Schokohasen auf den Markt. Aber nicht nur hierzulande ist Schokolade eine der beliebtesten Süßigkeiten: Ihr Absatz liegt in Europa mit 50 Prozent Anteil am Weltmarkt am höchsten. Im europäischen Vergleich ist Deutschland Spitzenreiter. Knapp 10 Kilogramm der beliebten Süßigkeit vertilgen wir jedes Jahr und investieren dabei durchschnittlich nur 42 Cent pro 100 Gramm Schokoladenerzeugnis. Schokolade zu Dumpingpreisen – wie ist das möglich?
Kampagnen wie Make Chocolate Fair! erzählen „Die bittere Wahrheit über Schokolade“: 70 Prozent des Kakaos wird in den westafrikanischen Ländern Elfenbeinküste, Ghana, Nigeria und Kamerun angebaut, darunter zu 90% in Kleinstbetrieben mit 2-5 Hektar Land. Für die meisten Bauern in Westafrika ist der Kakaoanbau die einzige und wichtigste Einnahmequelle.

© INKOTA, Make Chocolate Fair
Obschon die weltweit rund 5,5 Millionen Kakaobäuerinnen und -bauern die wichtigste Zutat der Schokolade liefern, leben die meisten von ihnen laut Armutsdefinition in Armut oder extremer Armut. So gilt Art. 23 (3) der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – „Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert“ – längst nicht für die Kakaobäuerinnen und -bauern im globalen Süden. Die Bauern etwa im bedeutendsten Anbauland Elfenbeinküste, lagen laut Kakaobarometer 2015 mit ihrem Pro-Kopf-Einkommen von 0,50 US-Dollar am Tag weit unter der international definierten Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar pro Familienmitglied und Tag. Denn vom Verkaufspreis einer Tafel Schokolade bleiben ihnen am Ende nicht mehr als 4 Cent!

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Die Gründe hierfür liegen in sinkenden Weltmarktpreise und drastischen Preisschwankungen. So hat sich der Preis für Rohkakao laut INKOTA-netzwerk e.V. von 1980 bis 2015 um ca. 40 Prozent verringert – wohlgemerkt bei einem rasanten Anstieg der Umsätze für kakaohandelnde und kakaoverarbeitende Konzerne im globalen Norden. In nur zwei Jahren zwischen 2015 und 2017 fiel der Kakaopreis aufgrund einer Rekordernte dann um weitere 40 Prozent. Niedrige und unsichere Einkommen machen es Kakaobauern unmöglich, für existenzsichernde Löhne, angemessene Unterkünfte, Gesundheitsversorgung oder Arbeitsschutz ihrer ArbeiterInnen zu sorgen. Ausbeuterische Kinderarbeit ist vor allem in Westafrika weit verbreitet: 2 Millionen Kinder produzieren allein in der Elfenbeinküste und Ghana Schokolade für den europäischen Markt, Hunderttausende unter ausbeuterischen und gefährlichen Bedingungen.

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Während Kakaobauern und -bäuerinnen die großen Verlierer im Kakaogeschäft sind, ist der Handel und die Vermahlung von Kakao für die vier einflussreichsten Akteure, die Großkonzerne Cargill (USA), Barry Callebaut (Schweiz), ADM (USA) und Blommer (USA) ein Milliardengeschäft. Bei der Schokoladenproduktion teilen die Konzernriesen Mars, Mondelēz, Nestlé, gefolgt von Hershey‘s, Ferrero, Lindt und Storck den milliardenschweren Süßwaren- und Schokoladenmarkt unter sich auf.

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Knapp 90 Prozent der Wertschöpfung in der Produktions- und Handelskette von Schokolade vereinnahmen Supermärkte, Kakaoverarbeiter und Vermahler wie Cargill oder Barry Callebaut, Schokoladenhersteller wie Mars oder Nestlé sowie Handel und Transport. Für den arbeitsintensiven und ausbeuterischen Anbau des Kakaos erhalten die Produzenten im globalen Süden nicht mehr als 6,6 Prozent oder umgerechnet 4 Cent pro Tafel Schokolade. Und die Konzentration in der Wertschöpfungskette nimmt stetig zu.

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Für Johannes Schorling vom INKOTA-netzwerk e.V. ist der Kakaoanbau und die Schokoladenproduktion „ein anschauliches Beispiel für soziale Ungleichheit im globalen Maßstab“. Für ihn ist klar:
„Der Kolonialismus ist in den Hauptanbauländern von Kakao zwar seit mittlerweile rund sechzig Jahren überwunden. Doch an der Grundstruktur, die sich durch den Kolonialismus etablierte – Bäuerinnen und Bauern im globalen Süden produzieren unter ausbeuterischen Bedingungen für den Konsum im globalen Norden – hat sich seitdem nur wenig geändert.“ (Quelle).
Was du tun kannst – Menschenrechtsorganisationen raten:
- Achte beim Kauf darauf, dass die Schokolade ein unabhängiges Siegel trägt oder kaufe Schokolade im Weltladen. Siegel wie Fairtrade oder GEPA garantieren faire Produktions- und Handelsbedingungen und die Wahrung der Menschen- und Arbeitsrechte in den Anbauländern. Übrigens: Faire Schokolade gibt es bald auch bei Tante LeMi!
- Überdenke dein Einkaufsverhalten und genieße Schokolade in Maßen. Sei dir bewusst: In jeder Tafel steckt ein Höchstmaß menschlicher Arbeit.
- Hake beim Hersteller deiner Lieblingsschokolade nach, wie es um das Engagement für faire Produktions- und Handelsbedingungen und die Einhaltung der Menschenrechte steht.
- Unterstütze die Arbeit von Organisationen und Kampagnen, die sich für faire Anbau- und Handelsbedingungen einsetzen.
Ein Dankeschön an die Arbeit von Kampagnen wie Make Chocolate Fair!
Verwendete Bild- und Textquellen: Make Chocolate Fair!, Südlink 181: Wer verdient an der Schokolade?, Public Eye e.V. Schweiz.
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