Von Jörg Bergstedt
Das Land steht still, so scheint es jedenfalls. Den meisten Menschen sind strenge Auflagen erteilt, die vieles verbieten, was sonst zum Alltag gehört. Auch politische Aktion scheint eingefroren. Doch der Schein trügt. Auch wenn tatsächlich vieles dessen, was sonst die Abläufe prägt, gerade ruht – vom Fußball-Samstag bis zu Kultur und großen Teilen des Wirtschaftslebens –, gibt es nicht nur die viel beschriebenen, zu Recht gelobten, aber oft schlecht bezahlten, lebenswichtigen Arbeitsbereiche, die aufrechterhalten werden, sondern auch einiges, welches gerade jetzt gestärkt wird. Das passiert aber eher im Stillen oder als Beiwerk der hysterisch aufgeladenen Angstdebatte um das Virus, in der die Aufmerksamkeit in andere Richtungen gelenkt wird und politischer Protest selbstverordnet verstummt ist. Dabei ist völlig offensichtlich, von denen, die in diesen Tagen und Wochen per Verordnungen und Verfügungen das gesellschaftliche Geschehen prägen, einige die Lage ausnutzen. Ein Teil macht aus der Not ein Geschäft und verkauft, was das Zeug hält – Toilettenpapier, Zeitungen mit Angstschlagzeilen, Atemschutzmasken. Die anderen ziehen einen starken Staat hoch. Corona beendet das gesellschaftliche Geschehen nicht, sondern verändert die Abläufe, die Kräfteverhältnisse, Diskurse und Verteilung der Potentiale. Die Schnelligkeit, mit der Regierungen agieren, ist beeindruckend. Geltende Gesetze und selbst einige bereits gefasste Gerichtsbeschlüsse, die Maßnahmen für rechtswidrig erklärten, werden einfach missachtet. In einigen Ländern werden ganz offen Ermächtigungsgesetze diskutiert – mit guten Chancen auf Verwirklichung. Das wäre schon besorgniserregend genug. Schlimm könnte sich aber auswirken, dass alle Meinungsumfragen dasselbe Ergebnis bringen: Die Mehrheit der Menschen liebt diese Politiker*innen dafür, dass sie autoritär durchgreifen. Es macht sich eine erschreckende Sehnsucht nach Führungspersönlichkeiten breit. Wer in den Regierungen harte Maßnahmen ankündigt oder sich um Recht und Gesetz nicht schert, sondern durchzieht, bekommt ein paar Punkte auf der Beliebtheitsskala oder ein paar Prozent in der nächsten Wahlumfrage dazu. Das werden sich die Herrschenden merken. Corona ist auch ein Feldversuch, wie eine Bevölkerung zu unterwerfen ist und dabei noch applaudiert.
In einer solchen Situation müssten Opposition und soziale Bewegung höchst aufmerksam sein. Aber was passiert: Auch sie unterwerfen sich zu großen Teilen dem allgemeinen Trend, alles gut zu finden, was von oben kommt. „Die Linksfraktion wird alle Maßnahmen unterstützen, die Solidarität befördern, Schaden von unserem Land, den Menschen und der Wirtschaft abwenden“, stelle der Fraktionschef im Bundestag einen Persilschein für die Regierung aus. Andere, auch außerparlamentarische Gruppen, loben die Regierungen für ihre umfangreichen Maßnahmen – und manche wünschen sich diesen autoritären Stil ganz offen auch für ihr Thema. Politik von oben ist auf einen Schlag wieder salonfähig geworden.
Nur ganz wenige, eher kleine Gruppen schlagen Alarm oder organisieren Hilfsangebote, um die großen Lücken zu schließen, die der Rückzug sozialer Angebote für Arme, Vereinsamte und Ausgegrenzte geschaffen haben. Woher rührt das große Schweigen der sonst so lautstarken NGOs und Bewegungsagenturen? Die Passivität ist kein Zufall, denn weder formal noch inhaltlich ist der Verzicht auf Aktivität gerechtfertigt. Sie folgt den Profit- und Organisationsinteressen. Wenn zum Beispiel die Organisator*innen der Seebrücke-Online-Demo schreiben: „Wir können nicht gemeinsam auf die Straße“, dann irren sie sich. Corona setzt zwar besondere Regeln, aber der Rückzug aus der Öffentlichkeit wäre nicht nötig. Aktionsformen mit passenden Abständen zwischen den Beteiligten oder anderen Auflagen wären sehr wohl denkbar. Aber wer genauer hingeschaut hat, konnte auch außerhalb von Krisenzeiten schon erkennen, dass die großen Organisationen mit ihren teuren Hauptamtlichenapparaten und aufmerksamkeitserheischenden Labeln kaum daran interessiert sind, dass konkreter und kreativer Protest im Lande abgeht. Die aktuelle Fixierung auf Online-Protest kommt ihnen sogar entgegen. Ihr Hauptinteresse an Kampagnen besteht bereits seit langem darin, Email-Adressen zu sammeln und Internetforen zu dominieren. Daraus entsteht ihr Kapital: Verteiler für Spendenaufrufe und Mitgliederwerbung. Es ist beschämend, wie dreist Menschen in Passivität und reiner Online-Tätigkeit gehalten werden – und sich die spenden- und aufmerksamkeitsgeilen NGOs damit zu profilieren versuchen. Es ist aber auch bedrückend, wie wenig Basisgruppen sich zurzeit wagen, überhaupt noch weiterzuarbeiten. Dass gerade nichts geht, ist selbstverschuldet, die vermeintliche Unmöglichkeit reine Einbildung. Befreit euch aus der selbstgemachten Erstarrung, sonst wird die bedenklichste Folge der Corona-Pandemie der Lerneffekt bei den Herrschenden sein, dass autoritäre Politik funktioniert.
Entdecke mehr von Tante Lemi
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Danke Lemi und Jörg für diesen Artikel! Er spricht genau das aus, was auch ich festelle und befürchte. Die Menschen sind vor lauter Angst, die von den Medien, RKI, WHO etc. geschürt wird, scheinbar zu allem bereit. Nach dem „Krieg“ gegen die bösen Russen, den Drogen und den Terroristen geht es nun mit allen Mitteln gegen Corona. Und siehe da, es funktioniert. Innerhalb weniger Wochen werden mal eben sämtliche, über Jahrhunderte schwer erkämpften Zivilrechte außer Kraft gesetzt. Statt Widerstand zu leisten, wird gejubelt. Es funktioniert erschreckend einfach. Natürlich ist es furchtbar, was in Italien und anderswo passiert. Aber die Toten sind zum größten Teil Opfer einer jahrelangen Austeritätspolitik, welche die Gesundheitssysteme in vielen Ländern kaputt gespart hat. Diese Systeme waren schon in normalen Zeiten marode und an ihrer Kapazitätsgrenze. Da reicht dann ein Grippevirus für die Katastrophe. Bei der Gripewelle 2017/18, die auch in Deutschland zu rund 25.000 Toten führte, hat es z.B. in Italien schon eine ähniche Situation in den Krankenhäusern gegeben. Von den Medien allerdings nicht wahrgenommen und von den Verantwortlichen unter den Teppich gekehrt. Nun wird Panik und Angst geschürt. Bleibt schön zuhause, setzt euch vor die Glotze und wartet auf neue Befehle. Derweil wird durchregiert, die Opposition ausgeschaltet. Und das nicht nur in Ungarn. Alles für unsere Gesundheit und zum Schutz von Oma und Opa. Gleichschaltung und Selbstzensur der Medien funktionieren super. Wer den Finger hebt und Fragen stellt, ist wahlweise ein Verharmloser oder Verschwörungstheoretiker und kriegt es so richtig in die Fresse. Die Maßnahmen sind alternativlos. Kunst, Kultur, Kleinstselbstständige sind nicht Systemrelevant und werden zu empfängern von Almosen degradiert. Wer glaubt, dass in einigen Wochen der Spuk vorbei ist und wir zum „normalen“ Leben zurückkehren können, wird sich vielleicht wundern. Oder merkt es gar nicht mehr. Die Verwerfungen werden enorm sein. Die Profiteure werden die gleichen sein wie immer. Im DLF meinte
vorgestern eine feine Dame, dass es doch klar sein müsse, das man am Ende nicht jede „verkrachte Existenz“ (Zitat) werde retten können. Amen.
Wer erinnert sich noch an die „Schweinegrippe“ von 2009? Dazu kann ich dringen den Film “ Profiteure der Angst“ empfehlen, welcher damals bei Arte gezeigt wurde. Der Film kann über YouTube angeschaut werden. Auch damals sprang schon Herr Drosten, im weißen Kittel durchs Bild. Wirklich sehr empfehlenswert!
Wo sind übrigens die “ besorgten Bürger“?
fragt sich
Uwe
LikeLike
Dank an Tante Lemi für den super Artikel und an Uwe Wäntig für seinen ebenso wertvollen Kommentar!!!
LikeLike